Am 18. Juni 2026 hat die Kirchengemeinde Brunn zur Kirchentour in ihre Kirche St. Georg eingeladen.
Das Thema war die einstige Heilquelle am Ortsrand von Brunn. Zu ihr sind die Menschen im 17. und 18. Jahrhundert zeitweise in Scharen gepilgert.
Die Kirche war gut mit Gästen gefüllt, die meist mit ihren Fahrrädern gekommen waren. Anschließend begrüßten die Kirchenvorsteher die Besucher im Kirchgarten mit Getränken, Melonenstücken und Knabbereien.
Da es mache interessiert hat, das Ganze nachzulesen: Die Ansprache zum Brunnder Heilbrunnen finden Sie unterhalb dieser Bildergalerie.





Text zu den Kirchentouren in Brunn am 17.67.2026: „Heilende Quellen“
Die Geschichte der Quelle
Heilende Orte ist das Thema der Kirchentouren. Das passt nirgends besser, als hier in Brunn! Denn der Ortsname verrät: Das könnte was mit einem Brunnen – mit einer Quelle zu tun haben
Aus alten Erzählungen und Texten wissen wir, dass das Wasser von einer Quelle hier etwas außerhalb des Orts schon im 18. Jahrhundert, genauer gesagt um das Jahr 1744, in Krügen abgefüllt und weit verschickt wurde.
So genau weiß man nicht, was da los war. Aber aus dieser Zeit wird berichtet, dass auf dem Kirchendachboden sich die Krücken der Menschen gestapelt haben sollen, die schwerkrank hierher gekommen seien, und dann geheilt wieder heimgereist sind.

So wurde eben erzählt. Aber irgendwie hatte das nicht lange Bestand, und das alles wusste man hautsächlich nur vom Hörensagen. Anfang des 19. Jahrhunderts waren das halt „alte Geschichten.“
Erst im Februar 1832 passierte das Wunder: Ein Richter mit Namen Westermann stolperte quasi über die historischen Spuren und stieß – zusammen mit den
Grundherren, den Grafen Pückler-Limpurg zu Burgfarrnbach, eine ganz große Nummer an.
Sie schickten Flaschen des Brunner Wassers an den damaligen Top-Wissenschaftler Professor Kastner nach Erlangen, um das Wasser im Labor untersuchen zu lassen.
Kastner reiste schließlich selbst an. Unter seiner Anleitung wurde ein beeindruckender, 130 Fuß langer und 5 Fuß hoher Felsengang gereinigt, der tief in den Fels gehauen war, um die Quelle sauber zu fassen. Als die Arbeiter die Hauptquelle freilegten, geschah es: Ein kräftiger, mineralischer Geschmack trat hervor. Die Begeisterung war grenzenlos.
Professor Kastner war ein akribischer Forscher. Für damalige Verhältnisse wandte er die absolute Spitzenmethodik der Chemie an. Er dampfte literweise Wasser ein, hantierte mit Säuren, Platinlöffeln und beobachtete Farbumschläge.
Er identifizierte die Quelle als einen Eisenhaltige Quelle. Neben reichlich Kohlensäure wies er wertvolle Mineralstoffe wie Kalziumkarbonat und Magnesium nach. Die Sensation für Kastner war jedoch der Nachweis von Lithium.
Kastner bemängelte zwar, dass das Heilwasser im Moment der Entdeckung noch stark durch eindringende Süßwasser verdünnt wurde. Er war sich aber sicher: Sobald die Reinfassung im Felsengang fertig ist, würde hier ein Heilwasser von exzellenter Qualität fließen.
Medizinisch betrachtet müssten wir die Euphorie von 1832 etwas bremsen. In den alten Schriften steht, das Wasser helfe gegen Gicht, Lähmungen und Knochenfraß. Heute wissen wir: Knochenfraß (oft Tuberkulose) oder Lähmungen kann ein Mineralwasser natürlich nicht heilen. Hier siegte der Wunsch über die Realität, da es im frühen 19. Jahrhundert kaum wirksame Medikamente gab.
Aber: Kastners chemischer Instinkt war nicht ganz falsch! Ein echter Eisensäuerling hilft nachweislich hervorragend bei Eisenmangel und Blutarmut.
Aber wenn so ein Hype mal gestartet ist – ganz ohne Influencer und Facebook – ist sowas auch damals schnell durch die Decke gegangen.
Plötzlich war das Dorf voller Menschen, die unbedingt das Wasser der Wunderquelle trinken wollten. Grade die Geschichte mit den Stapeln von nicht mehr benutzten Krücken auf dem Dachboden schraubt die Erwartungshaltung natürlich nach oben
Spediteure standen mit Wasserfässern Schlange, um das Wasser in die großen Städte bis nach München zu transportieren.
Die Grafen ließen ein kleines Badehaus errichten.
Da konnte man im Jahr 1834 für 18 Kreuzer im Wunderwasser baden. Im 12-er Abo kostete das Bad dann 12 Kreuzer. (Das war der Gegenwert von einem Kilo Fleisch oder 5 Maß Bier).
Und es wurde schon geplant, ein Hotel zu errichten, mit Spielsalon! Immerhin wurde schon am 2. Juni 1833 zur Feier des Geburtstags von König Otto zu einer großen Gesellschaft im Brunner Schloss und Besuch des Bades in Brunn geladen.

Sicher haben sie auf dem Weg hierher unser Kurzentrum, die Spielbank und die Hotels gesehen – oder? Ach, das sind keine? Schade, da muss anscheinend etwas anders gelaufen sein, als geplant!
Ja, so schnell wie die Begeisterung explodiert ist, ist sie auch wieder in sich zusammengefallen. Offenbar wirkte das Wasser nicht so, wie es sich die Menschen erhofft hatten. Irgendwann wurde das Badehaus wieder abgerissen, und heute sieht man von der Quelle nichts mehr.
Historisch sehen wir hier das perfekte Beispiel für den „Kurbad-Hype“ des Biedermeier. Dass die Menschen scharenweise gesundeten lag oft nicht nur am Wasser allein. Es war der sogenannte „Kureffekt“: Raus aus den engen, von Ruß und Abwasser geplagten Städten, rein in die Natur, tief durchatmen, sich bewegen und endlich einmal genug sauberes Wasser trinken.
Sich um sich selber kümmern – das war wohl der zentrale Punkt in jeder Zeit. Und das haben andere in Franken schneller und dann vielleicht auch nachhaltiger hinbekommen.
Bad Kissingen und Bad Brückenau sind genau in dieser Zeit entstanden.
In dem Jahr, in dem diese Geburtstags-Einladung nach Brunn erging, hat man in Bad Brückenau den großen Kursaal eingeweiht, in Bad Kissingen wurde begonnen mit toller Architektur das Bad auf ein neues Level zu heben.
Vielleicht war Brunn einfach ein kleines bisschen zu spät dran.
Was kann für uns eine Heilquelle sein?
Die „Wunderquelle“ in Brunn. Wenn man die Analyse des Professors aus Erlangen liest, merkt man den Chemiker, der recht nüchtern feststellt, keine besonders spektakuläre Entdeckungen gemacht zu haben.
Und doch gab es diesen kurzen Hype – diese unglaubliche Welle der Menschen, die an dieser Quelle sich Heilung erhofft haben. Und die wahrscheinlich langfristig keine allzu beeindruckende Wirkung gespürt haben. Deshalb war es auch schnell wieder vorbei.
Und dabei wäre das Heilsame vielleicht schon irgendwie recht nahe gelegen – nämlich das, was oft zum Erfolg der Kurbäder vor fast 200 Jahren beigetragen hat, das wäre in Brunn eigentlich auch da gewesen:
(1)
Raus aus der Enge – rein in die Natur.
Nicht nur aus der Enge der schwierigen Wohnsituation damals in den wachsenden Städten.
Auch mal raus aus der Enge des täglichen Welt. Damals wurde in unserem Land Demokratie zurückgedrängt. Die alten Garden wollten wieder das Sagen haben. Der Ruf nach Freiheit wurde unterdrückt.
Wenn einem das alles zu viel wurde, dann war die zeitweilige Flucht aufs Land keine Lösung, aber eine wichtige Entlastung! Mal buchstäblich durchatmen, Freiheit spüren. Keine engen Straßen und Wände.
Die „Natur“ als Quelle, die einfach gutgetan hat.
(2)
Einfach Menschen begegnen.
Zusammensein ohne einen Zweck. Man musste im Kurbad nichts planen, nicht verdienen, nicht arbeiten war nicht im Räderwerk des Alltags eingespannt.
Einfach da sein.
Mit fremden Menschen in Kontakt treten, sich austauschen über sein Leben, seine Hoffnungen, Befürchtungen.
Vielleicht auch mal so offen sein wie selten. Denn die Menschen, denen man da begegnet, läuft man später wahrscheinlich nie wieder über den Weg. Das traut man sich mancher über Dinge zu sprechen, über die er sonst lieber schweigt. Da geschieht Seelsorge – auch ohne dass der andere ein Pfarrer ist.
(3)
Sich selbst erst zu nehmen.
Zeit für das eigene Wohlbefinden einzuplanen.
Feste Uhrzeiten – tägliche Routinen, wie das Trinken des Heilwassers, der Besuch des Kurkonzerts, das Flanieren durch den Kurpark und die Kolonaden.
Theresa von Avila hat gesagt: „Tu deinem Leib des Öfteren etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen!“
Es ist kein Frevel, sich um sich selbst zu kümmern.
Aber wem sage ich das?
Leuten, die mit dem Fahrrad nach Brunn kommen!
Menschen die nachher noch ein bisschen im Garten stehen und etwas trinken. Miteinander ins Gespräch kommen und sie hie und da freuen, wer so alles auch in diesem Jahr wieder mit dabei ist, bei den Kirchentouren! „Ach, schön dich zu sehen! Wie geht’s die? Ach was is passiert? Komm, erzähl …“
Ja, wir können uns manchmal selber so eine Heil-Quelle – so ein Kurort sein.